Der Schalker Fels in der Brandung

Für einen jungen Spieler ist das Debüt in der Bundesliga etwas Besonderes. Zum ersten Mal auf der großen Bühne dabei sein, in einer vollen Arena spielen, das ist häufig der Start für eine Fußballerkarriere. Danach darf der Junge meist weitere Einsatzminuten sammeln, wird langsam herangeführt. So dachte sich das vermutlich auch Thilo Kehrer, als er am 20. Spieltag der Saison 15/16 in der Schlussminute gegen Wolfsburg eingewechselt wurde.

Doch es kam anders.
Zwar stand Kehrer noch ein paar Mal im Kader, doch für einen weiteren Einsatz reichte es nicht, auch wenn André Breitenreiter in ihm Potential sah. Breitenreiter ging, Markus Weinzierl kam. Und er verschaffte Thilo Kehrer sozusagen sein zweites Debüt.

Das gab er am 11. Spieltag. Wieder Wolfsburg, wieder für eine Minute. Doch dieses Mal verlief es für Thilo Kehrer, wie er es sich wohl erhofft hatte. Er tastete sich an die Mannschaft ran und festigte seinen Platz nah an der ersten Elf. Gegenüber der WAZ sagte Kehrer, dass er auch mit dem neuen Coach zu Saisonbeginn gute Gespräche gehabt habe: „Manchmal muss man eben lange auf seine Chance warten. Das Wichtigste ist, dass man dann sein Bestes zeigt, wenn man die Gelegenheit bekommt.“

Die ergriff der gebürtige Thüringer zunächst in der Europa League gegen Nizza und Salzburg und dazwischen gab er auch in der Bundesliga sein Startelfdebüt – bei der bitteren Niederlage gegen Leverkusen. Die Umstände spielten ihm dabei in die Karten: Höwedes war gelbgesperrt, Nastasic verletzt, und in dem Spiel holte sich Naldo noch dazu eine Rote Karte ab, Kehrers Eintrittskarte für die Spiele gegen Freiburg und Hamburg. Fehlerfrei blieb er nicht, verursachte unter anderem einen Elfmeter gegen die Hanseaten und rutschte vor dem Tor gegen den SC weg. Aber wer will ihm ein paar Fehler verdenken?

Vor allem, weil er eine Eigenschaft auf dem Platz zeigt, die einem jungen Spieler so kaum zuzutrauen wäre: eine unglaubliche Coolness. Auf dem Rasen scheint Kehrer abgebrüht, Nerven zeigt er selten. Für einen 20-Jährigen hat Kehrer eine unglaubliche Ausstrahlung, ist locker und spielt hinten raus einfach mal den Ball zwischen zwei Gegenspielern durch, ohne auch nur mit der Wimper zu zucken. Naldo ist in Schalkes Abwehr der Turm in der Schlacht, Höwedes der Kapitän und Anpeitscher, Thilo Kehrer ist der Fels in der Brandung.

Eine weitere Stärke von ihm: Balleroberungen. Wenn man Kehrers Kurzeinsätze rausrechnet und nur die über 90 Minuten nimmt, kommt man auf einen Schnitt von 6,4. Zum Vergleich: In dieser Statistik ist Naby Keita mit knapp über 10/90 Minuten weit führend, ähnliche Werte wie Kehrer weisen aber immerhin Xabi Alonso (Rang 20) und Daniel Baier (Rang 21) auf. Bei abgefangenen Bällen landet Kehrer bei 6/90 Minuten und würde damit Thiago von Platz Zwei des Ligarankings verdrängen. Nun sind das nur Zahlenspielereien und bei fünf Spielen über 90 Minuten sind diese absolut nicht aussagekräftig. Sie liefern aber einen Anhaltspunkt, wo die Stärken des Innenverteidigers liegen.

Apropos: Vielseitig einsetzbar ist Kehrer noch dazu. Vorzugsweise spielt er in der Innenverteidigung oder im defensiven Mittelfeld, aber gegen Gladbach vertrat er auch Sead Kolasinac auf der linken Außenbahn. Seit Markus Weinzierl wieder mit einer Viererkette spielt, gibt Kehrer den Rechtsverteidiger und das durchaus mit Erfolg. Auch schaltet er sich immer wieder mal mit nach vorne ein, torgefährlich ist er dabei aber nicht. Das muss er aber auch nicht.

Interessant wird es, wo sich Thilo Kehrer einordnet, wenn alle Spieler wieder fit sind. In der Innenverteidigung ist die Konkurrenz mit Naldo, Höwedes und Nastasic hochkarätig, und wenn Coke die Verstärkung ist, die man sich von ihm erhofft, wird es auch auf der Rechtsverteidigerposition schwer. Doch Kehrer hat gezeigt, dass er liefert, wenn er gebraucht wird. Und in einer langen Saison wird er auch im neuen Fußballjahr auf seine Spielzeit kommen. Denn einen coolen Kopf kann Schalke immer gebrauchen.

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2 Gedanken zu “Der Schalker Fels in der Brandung

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