Der Abgang der falschen Zehn

Es war der 25.01.2011.  Ein Schuss, ein Tor. Ein Tor, das den Sieg gegen den 1. FC Nürnberg sicherte. Eine Saison, in der der DFB-Pokal gewonen wurde. Und in der ein (vermeintlicher?) Fußballstern aufging. Der des Julian Draxler.

Julian Draxler wechselt nun zum VFL Wolfsburg. Lange gab es Gerüchte um einen Wechsel zu Juventus Turin, doch die Italiener boten nicht genug Geld. Wolfsburg schon.  Es sind nicht die festgeschriebenen 45 Millionen, die Horst Held ihm in seinen Vertrag geschrieben hat. Von 35 Millionen plus Bonuszahlungen ist die Rede, und man kann davon ausgehen, dass es ein ähnlicher Vertrag wie der von Manuel Neuer war.  Die festgeschriebene Summe dürfte bei einigen Wolfsburger Erfolgen annähernd erreicht werden. Und dieses Geld hat Schalke auch nötig. Diesen Sommer wurde viel Geld ausgegeben, so viel wie die letzten Jahre nicht. Dazu fehlen die Einnahmen aus der Champions League. Es ist der teuerste Verkauf des S04 überhaupt, und das tut dem Verein grundsätzlich gut. Doch es bleiben Fragen.

Warum Wolfsburg?

Zunächst einmal: Draxler wollte weggehen, bereits  Ende vergangener Saison informierte er Horst Heldt über seine Pläne. In Wolfsburg hat er ein ruhiges Umfeld, in dem er sich gut entwickeln kann. Die Erwartungen sind vielleicht einen Tick niedriger als auf Schalke, der Druck ist nicht so hoch. Er hat einen guten Trainer mit Bundesligaerfahrung, und er spielt Champions League. Dazu bei einem Verein, dem man die Rolle als Bayernjäger zutraut und der damit auch eher Titelchancen hat. Und die Summe auf seinem Gehaltscheck dürfte auch nicht geringer geworden sein.
Doch es gibt eine Sache, die verwirrt. Draxler hat immer betont, bei einem ganz großen Verein spielen zu wollen. Im Interview mit dem Kölner Stadt-Anzeiger zählte er dazu:

„Die beiden Großen aus Spanien, Real und Barcelona, die Bayern und einige andere aus England, nämlich Arsenal, Manchester United, Chelsea.“

Wolfsburg ist ein guter Verein mit finanziellen Möglichkeiten und steht momentan ein wenig über Schalke, das hat auch das Spiel vergangenen Freitag gezeigt. Aber Wolfsburg gehört nicht zur europäischen Topriege. Und dort hat sich Draxler selbst irgendwann gesehen. Angekommen ist er dort noch nicht.

„Man kann als einzelner Spieler auch auf sich aufmerksam machen, wenn man nicht bei einem absoluten Top-Klub in Europa spielt. Aber wenn man die großen Ziele erreichen will, die ein Weltklassespieler nun mal hat, dann gehört es dazu, dass man bei den größten Vereinen der Welt spielt.“

War er wirklich das Gesicht des Vereins?

Vielleicht war Julian Draxler überfordert. Überfordert mit der Rolle, die man ihm aufgebürdet hat, dem großen Talent aus dem eigenen Verein. Als 2013 sein Vertrag verlängert worden war, fuhren Laster mit seinem Konterfei durchs Revier. Er sollte für den Verein stehen, die Identifikationsfigur des S04 sein.

Nach seinem Tor gegen den FCN startete er durch. Doch nachdem Draxler seinen Vertrag verlängert hatte, glückte ihm nur noch wenig. Ab und zu  ließ er Klasse aufblitzen, über viele Spiele zog sich das selten. Sicher, er hatte auch mit Verletzungen zu kämpfen. Aber irgendwie hatte man schon länger den Eindruck, dass er nicht mehr so ganz auf Schalke war.  Sein Kopf „war“ bei den großen Vereinen, bei denen er immer spielen wollte.
Das hat er auch immer betont. Er wollte nicht den Fehler wie Neuer machen und große Treue versprechen. Und das hat er auch nicht. In gefühlt unzähligen Interviews sagte er immer wieder, dass er mal ins Ausland wolle. Bayern München hat er auch nicht ausgeschlossen. Jetzt ist es Wolfsburg. Aber eine Identifikationsfigur wird ein Spieler durch solche Äußerungen nicht.

Warum jetzt?

Der große Verlierer der Geschichte ist der Verein. (Warum Horst Heldt keine gute Figur macht, hat Torsten Wieland erklärt). Der Stein, der alles ins Rollen brachte, war Kevin de Bruyne. Sein später Wechsel führte zum noch späteren Draxler-Wechsel. Einen Ersatz gab es kurz vor Ladenschluss nicht mehr. Aus wirtschaftlicher Sicht konnte Heldt den Transfer kaum abblocken. Mit den Folgen muss man leben. S04 hatte mit Draxler geplant – und seine Form zu Saisonbeginn war durchaus ansprechend. Es hätte sein Jahr werden können. Hätte. Andere Talente müssen nun die Lücke füllen, im Winter muss da noch nachgelegt werden. Bis dahin muss André Breitenreiter so auskommen.

Julian Draxler hat Talent, das ist unbestritten. Aber 35 Millionen ist er noch nicht „wert“. Seine Übersteiger waren nett anzusehen, aber er verschleppte häufig das Tempo.  Dazu kamen die eigenen Ansprüche, auf der Zehn spielen zu wollen. Diverse Trainer sahen ihn dort nicht, denn seine Stärken liegen im Eins-gegen-Eins. Und da war er auf der Außenposition gut aufgehoben. Es wird interessant sein, wie Dieter Hecking das sieht. Draxler muss noch viel beweisen.

Letztendlich waren die Ziele zu unterschiedlich. Einerseits der ambitionierte Draxler, der Titel, die Weltspitze (und die Zehnerposition) will; andererseits ein Verein, der sich und seine Mannschaft langfristig entwickeln will und so sehr auf Identifikation baut. Es passte nicht mehr.

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2 Gedanken zu “Der Abgang der falschen Zehn

  1. Meiner Meinung nach alles sehr treffend auf den Punkt gebracht. Bin gespannt, wie er sich jetzt bei Wolfsburg entwickelt. Sollte kein Sprung nach vorne erkennbar sein, läuft er Gefahr, ein weiteres „ewiges Talent“ zu bleiben.

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  2. Pingback: Die Änderung von Strukturen | woisch wat

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